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Sammlungen Freilichtmuseum Massing

Moderne Technik unter edler Hülle

Ein betagter Wasserkocher

WasserkocherAm Beispiel dieses elektrisch beheizbaren Kochgeräts lässt sich schön ablesen, welchen Verlauf die Entwicklung jener Objektgattung im Verlauf von Jahrzehnten genommen hat.

Produziert wurde die hochglänzende Haushaltshilfe vermutlich in den 1920er Jahren, möglicherweise auch etwas später. Unübersehbar sind ihre formalen Anklänge an die damals sehr wohl gebräuchlichen, aber noch nicht elektrifizierten Behältnisse für denselben Verwendungszweck. Angenehm fällt zunächst auf, dass ein derartiges Teil optisch noch Lichtjahre von der Masse funktionsgleicher Geräte unserer Tage entfernt ist, die momentan im Kunststoffgewand und Billig-Look fernöstlicher Provenienz die Regale einschlägiger Discounter bevölkern.

An „harten“ Daten zu unserem Objekt erfährt der Betrachter vorerst kaum etwas. Nur die am Gefäßboden spartanisch knapp eingeschlagenen technischen Angaben geben Näheres preis: Demnach handelt es sich um ein Erzeugnis der Firma Grossag aus Schwäbisch Hall, das beim Anschluss an ein 110 Volt-Stromnetz eine Leistung von 500 Watt entfaltet. Mehr nicht. Auch der museumsintern angelegte Steckbrief, auch Inventarblatt genannt, gibt nichts zur „persönlichen“ Geschichte dieses Gegenstandes preis - leider.

Was bleibt da dem Schreiber dieser Zeilen anderes übrig, als sich am Beispiel jenes Wasserkochers einmal eher allgemein, quasi über den Gefäßrand hinaus, Gedanken zum Objekt zu machen?
Oder anders gefragt: Welchen Wert hat so ein Teil für’s Freilichtmuseum? Prinzipiell wird dort ja alles Mögliche gesammelt, was mit Alltagskultur zu tun hat.

Da wären wir nochmals beim recht gefälligen äußeren Erscheinungsbild, das wohltuend ins Auge sticht. Zwar mag hinsichtlich des eher unpassend wirkenden, hier aber nun einmal unabdingbaren Elektrokabels, eine gewisse Gegensätzlichkeit bestehen. Möglicherweise aber wollte man gerade deswegen strombetriebene Gebrauchsgüter zu jener Zeit, als Elektrizität vielen noch fremd, weil neu war, besonders gut gestalten. Im vorliegenden Fall wohl nicht zuletzt auch deswegen, um die vielseitige und einfache Handhabbarkeit der aufkommenden Technologie für jedermann zu demonstrieren.
Oder aber, und das klingt fast wahrscheinlicher, man implantierte „einfach“ Neues möglichst unauffällig in gewohntes Altes.

Denkbar ist auch, dass sich die Elektroindustrie angesichts der zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch übermächtigen Konkurrenz von Gas, Kohle und Holz in den Privathaushalten veranlasst sah, der doch verhältnismäßig geringen Präsenz elektrischer Haushaltsgeräte mit besonderen Trümpfen auf die Sprünge zu helfen. Also Marketing durch Design zu betreiben. Wer weiß, vielleicht wurde ja auch im Fall unseres Teekessels ein fähiger Architekt oder Produktgestalter damit beauftragt, ansprechende Formen für Elektrogeräte zu entwerfen, etwa wie es Peter Behrens 1907 im Auftrage der AEG tat? Hieraus wurden dann „industriefähige“ Artikel entwickelt, also Gegenstände, die nicht nur rationell massenhaft reproduzierbar waren, sondern durch Abwandlung auch eine gewisse Typenvielfalt versprachen und darüber hinaus Funktionalität, künstlerischen Anspruch und Marktfähigkeit in sich vereinten. Fast unbemerkt hob man damit das erst viel später so bezeichnete Industrial Design aus der Taufe.

Doch der Weg zum voll elektrifizierten Haushalt war lang und steinig. Man verfolge nur den Werdegang einiger Teamkollegen unseres Wasserkochers, z. B. den von Staubsauger, Mixer, Waschautomat oder Spülmaschine. Zu all diesen Objekten hat doch sicher jeder ältere Museumsbesucher „seine“ story aus dem eigenen Erfahrungsschatz parat!

Erst in den 1950er Jahren setzte der Siegeszug der meisten, heute längst zum Standard gewordenen elektrischen Haushaltshilfen ein, gut 60 Jahre nachdem in Deutschland die Stromversorgung großflächig eingeführt worden war.

Sehen Sie jetzt, wie man über ein einfaches Haushaltsgerät schnell zur Kultur-, Technik-, Industrie-, Design-, Kunstgeschichte kommen kann? Und das nur, weil dessen spezifische Historie nicht so viel hergibt wie vielleicht ein wertvolles Gemälde oder ein großes Fahrzeug.
Eigentlich auch nicht ganz schlecht. Man kann schließlich immer was dazu lernen.

Wasserkocher, Inv.-Nr. M 2003/208

Text: Ernst Höntze M.A., Foto: Hans Eichinger


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