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Freilichtmuseum Finsterau

Das Raidl-Haus

Ganz typisch, ein untypisches Haus

Das Bauernhaus oder gar das Waldlerhaus gibt es nicht. Jedes Haus ist ein Individuum.
Es wurde für einen bestimmten Zweck gebaut. Vorliebe des Bauherrn, örtliche Bautradition und das verfügbare Grundstück wirkten mit.
Oft änderte sich der Zweck im Lauf der Zeit. Dann wurde umgebaut, erweitert, erneuert: Fenster vergrößert, Türen versetzt, das Dach umgedeckt, Ofen und Herd verbessert, der Schrot nach dem neuesten Geschmack gestaltet.
Viele Hauser wurden gänzlich abgebrochen und völlig neu aufgebaut: größer, höher, heller, gelegentlich dauerhafter, oft nach der neuesten Mode.

Manche alten Häuser aber blieben stehen, obwohl sie keinen rechten Nutzen mehr hatten. Sie dienten als Lager, Rumpelkammer, Geräteunterstand. Der beste Raum, die Stube, erlebte gelegentlich eine letzte Karriere als Werkstatt, Machlkammer.
Einfache Holzarbeiten machten Bauern selbst, z. B. wenn an einer Leiter eine Sprosse gebrochen war. Nur mit größeren Reparaturen ging man zum Wagner und Schreiner. Manche Kleinbauern spezialisierten sich auf besondere Holzbitzeleien: Der eine konnte Schwingen flechten, ein anderer Sensenknittel und Rechen machen, ein dritter verstand sich aufs Drechseln. Eine solche Drechslerei ist seit 1996 im Raidl-Haus eingerichtet.

Raidlhaus

Heute sind die Machlkammern auf den Bauernhöfen kleine Traktorenreparaturwerkstätten. Die Notwendigkeit Reparaturkosten zu sparen, ist eine Ursache für deren Existenz, technische Leidenschaft die andere. Und immer noch spielt auch das alte bäuerliche Prinzip der Selbstversorgung eine Rolle.
Das Raidl-Haus war Nebenhaus des großen Raidl-Hofs in Böhmzwiesel (Lkr. Freyung-Grafenau). Die Fassade mit dem Balusterschrot blickte zur Dorfstraße. Eine Stube im Erdgeschoss und eine Kammer darüber waren die einzigen Wohnräume. Im rückwärtigen Teil des Hauses befinden sich zwei sorgfältig gezimmerte Getreidekästen. Erbaut wurde es 1775, die Fenster wurden im 19. Jahrhundert vergrößert.
1977 wurde das Raidl-Haus abgetragen und 1980 im Freilichtmuseum wiedererrichtet. 1985 bis 1988 war es mit einer Begleitausstellung zum Aufbau des benachbarten Petzi-Hofs ausgestattet. Das Obergeschoss blieb unzugänglich, weil die steile Stiege in der engen Fletz sturzgefährlich war. Den Raidl-Hof mit weiteren Häusern aus dem Anwesen in Böhmzwiesel zu ergänzen und im Museum vollständig zu rekonstruieren scheiterte mehrmals an der Finanzierung.

Seit 2019 erschließt eine sichere Treppe den ersten Stock. In der hellen Kammer ist seitdem die Schusterei aus Rehberg eingerichtet. Eine kleine Ausstellung zum Schusterhandwerk begleitet diese Ausstattung, die an den Schuster Josef Reichenberger erinnert.

Raidlhaus

 

TEXT: Martin Ortmeier
BILD oben: Die alte Photographie zeigt den Raidl-Hof mit dem Austragshaus von 1775 (Bildarchiv Freilichtmuseum Finsterau).
Das gemauerte Wohnhaus aus dem späten 19. Jahrhundert besteht noch am alten Standort in Böhmzwiesel bei Waldkirchen.
BILD unten: Rekonstruktions-Modell des Raidl-Hofs im Freilichtmuseum (Dr. Martin Ortmeier; Modellbau: Ing. David Mičan, 2008)


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